Guitarra a seis - Matthias Kläger erzählt aus der Programmwerkstatt

EIN Klangkörper mit 36 Saiten

Dachluken-Beitrag vom

Zur Rolle der einzelnen Musiker

Natürlich ergeben sich durch die unterschiedlichen Instrumente gewisse Rollen: Einer übernimmt vielleicht das Bassfundament, ein anderer eine hohe Melodiestimme, dazwischen liegen Begleitfiguren, Akkorde oder rhythmische Strukturen. Trotzdem sind diese Rollen nicht festgeschrieben. Genau das macht den Reiz aus: Jeder der sechs Musiker ist Solist und Ensemblemitglied zugleich. Die Aufgaben können sich innerhalb eines Stückes ständig verändern – einmal führt eine Stimme, im nächsten Moment verschwindet sie im Gesamtklang.

Genau darin liegt vielleicht die besondere Idee von Guitarra a seis: sechs individuelle Musiker und sechs unterschiedliche Instrumente zu einem einzigen Klangkörper zu verbinden – und bekannte Musik so zu spielen, dass man sie plötzlich mit anderen Ohren hört.

 

Bekanntes wird neu erzählt

Die Idee, eigene Arrangements für diese Besetzung zu schreiben, entstand eigentlich ganz selbstverständlich aus den Möglichkeiten des Ensembles. Für sechs Gitarren in dieser speziellen Besetzung gibt es kaum originales Repertoire. Gleichzeitig erlaubt gerade der große Tonumfang, Musik zu spielen, die ursprünglich überhaupt nicht für Gitarren gedacht war. So wurde das Arrangieren von Anfang an zu einem wesentlichen Bestandteil der Arbeit von Guitarra a seis. Besonders Tobias Krebs hat zahlreiche Werke für das Ensemble eingerichtet und dabei versucht, nicht einfach Orchestermusik auf Gitarren zu „verkleinern“, sondern die besonderen Farben und Möglichkeiten der Instrumente auszunutzen.

Auch die Programmauswahl folgt diesem Gedanken. Entscheidend ist weniger, ob ein Werk ursprünglich für Gitarre geschrieben wurde, sondern ob es sich in dieser Besetzung neu und überzeugend erzählen lässt. Besonders reizvoll ist natürlich Musik, in der Rhythmus, Farbe und starke melodische Charaktere eine große Rolle spielen.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist Bizets „Carmen“. Die Musik ist voller spanischer Farben, obwohl Bizet selbst Franzose war und Spanien kaum aus eigener Anschauung kannte. Auf sechs Gitarren bekommt diese Musik noch einmal einen ganz eigenen Charakter: Rhythmen und Klangfarben, die im Orchester nur eine von vielen Schichten bilden, treten plötzlich unmittelbar hervor.

6 Instrumente, 5 1/2 Oktaven

Sechs Gitarren – das klingt zunächst nach sechs gleichen Instrumenten. Bei Guitarra a seis ist das allerdings ganz anders. Das Ensemble verfügt über speziell gebaute Gitarren unterschiedlicher Tonlagen, die zusammen einen Tonumfang von rund fünfeinhalb Oktaven abdecken.

Neben den normalen Konzertgitarren kommen Instrumente zum Einsatz, die deutlich tiefer oder höher klingen. So entsteht ein Klangkörper, der in seiner Anlage fast an ein kleines Orchester erinnert: mit Bassfundament (Bassgitarre und Quintbass), verschiedenen Mittellagen und einer brillanten Höhe (Quint-, Terz- und Oktavgitarre). Gerade dadurch können auch Orchesterwerke erstaunlich vollständig auf sechs Gitarren übertragen werden, ohne ständig Stimmen oktavieren oder wesentliche Teile weglassen zu müssen. Ergänzt wird das Instrumentarium gelegentlich durch Percussion.

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