Jens Rosteck über das Schreiben von Biografien

Entweder handelt es sich um eine Persönlichkeit, bei der sich bei mir im Laufe der Jahrzehnte enorm viel Fachwissen angehäuft und immense Leidenschaft für die Lebensleistung/den jeweiligen Werdegang entwickelt hat. Und für die niemand sonst einen Zugang gefunden hat. Irgendwann ist dann die Zeit reif (und man selbst als Autor auch reif genug), dass man das dringende Bedürfnis hat, die eigene Sichtweise präsentieren zu müssen und auch zu können/dafür kompetent genug zu sein. Der Blick auf die Protagonisten verändert sich dabei natürlich unablässig, gerade auch beim Schreibprozess.

Faszination ist das eine, uneingeschränkte Bewunderung das andere - letztere aber eher hinderlich. Man muss objektiv und auch kritisch bleiben. Oder aber es handelt sich um einen Menschen, dessen Parcours viele Brüche aufweist und der deswegen in den Fokus rückt. Über "glatte" Werdegänge, über störungsfreie Lebensläufe oder reine Erfolgsstorys könnte ich mich nicht mit Gewinn äußern. Da muss man Widerstände spüren, Ungereimtheiten, seltsame Vorfälle und Dinge, "die nicht aufgehen", damit einem die Persönlichkeit näherrückt und gestaltenswert erscheint.

Ich versuche zwar, meine Veröffentlichungen systematisch zu planen, aber das ergibt sich nicht immer wunschgemäß. Der Verlag muss mitspielen, das öffentliche Interesse sollte da sein, außerdem verändern sich bei der "eigenen Schreibbiographie" ebenfalls ständig die Prioritäten. Aber man spürt schon selbst einen gewissen Druck, über die eine oder andere Figur etwas Sinnvolles/Gewinnbringendes "loszuwerden", und freut sich natürlich, wenn man dann, meist unerwartet, auf einmal die Möglichkeit dazu erhält. Wichtig ist immer, dass man die kulturgeschichtliche Einbettung hinbekommt, den Lesenden die betreffende Epoche glaubhaft vor Augen zu führen vermag und nicht nur isoliert die Biographie.

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